Die Geschicke eines Vagabunden

Ein unvergesslicher Abend mit Edvard Griegs genialer Bühnenmusik zu «Peer Gynt» im Stadthaussaal.

WINTERTHUR Ewig unbeantwortet ist des Menschen Frage nach dem Sinn des Lebens, unstillbar sein Verlangen nach Erfüllung, Glück und Lust. In mehreren grossen Stoffen ist diese fundamentale menschliche Problematik literarisch gefasst worden: Unter ihnen vor allem in Goethes Faust, aber auch in der vielfach gestalteten Don-Juan-Thematik, im Don Quixote und manchen Märchen. In ihnen allen spielt das weibliche Element eine der Haupt- und schliesslich oft die entscheidende Rolle. Und das Irreale, die Geisterwelt, das Reich des Bösen: Sie werden mobilisiert, da die reale Erfahrung zur Erleuchtung so sie sich denn ereignen sollte dazu nicht ausreicht.

Zu diesem Themenbereich gehört auch Henrik Ibsens dramatische Dichtung «Peer Gynt», zu der Edvard Grieg eine umfassende Bühnenmusik komponiert hat, von der vor allem die beiden Orchestersuiten nicht nur bekannt geworden sind, sondern die Musikwelt umrundet haben und es bis heute tun. Diese Musik ist wunderbar, ja genial, an genauer Stimmungscharakterisierung nicht zu übertreffen, und es war ein künstlerisches Ereignis, dass man das sonst fast unbekannt gebliebene Gesamtwerk einmal integral erleben konnte.

Mit einem bewundernswerten Geschick hat es Udo van Ooyen verstanden, den Stadthaussaal und dessen Konzertpodium als imaginäre Theaterbühne zu nutzen: Genau berechnet waren die Zeiten und Tempi für die aus diversen Richtungen heranrückenden Chorsänger, Vokalsolisten und den Sprecher, deren Auf- und Abtreten auf leisen Sohlen die der Mutter, der attraktiven verführerischen? Sexualpartnerin und der treuen Liebenden.

Und sie waren mit hervorragenden Stimmen besetzt: Mutter Ase noch als alte, bereits wohl geschlechtslose Frau mit des Sprechers Kopfstimme versehen; die faszinierende Tänzerin Anitra und dann vor allem die Geliebte Solveigh mit Claudia Barainsky ideal besetzt, da sie die beiden Frauentypen wissend zu unterscheiden verstand. Drei Säterinnen erhielten die blühend hellen Stimmen von Sela Bieri, Iryna Ilnytka und Diana Petrova, Dieb und Hehler (Marcos Garcia Gutierrez und Erlend Tvinnereim) trugen auch komödiantische Elemente bei.

Und dann natürlich das omnipräsente Orchester: Dem insgesamt vorherrschenden, hochromantisch behandelten Streicherklang mit wunderbaren Einzelsoli standen die Bläser mit ihren profilierenden und sehr individuellen Klangqualitäten in reichen Schattierungen gegenüber, und dennoch war der Gesamtklang gut ausgewogen, auch mit den Stimmen, die zur Geltung kamen, ohne je forcieren zu müssen.

Dirigent Jac van Steen ist nicht nur eminent erfahren, sondern halt auch ein Musiker von Gottes Gnaden. (Rita Wolfensberger)