Die vielen Gesichter des W. A. Mozart

Mit «Wolferls lieb-zärtlichem Mondgesang» lieferte das Ensemble TaG am Freitag seinen etwas anderen Beitrag zum Mozartjahr.

WINTERTHUR – Das Ensemble Theater am Gleis wagte in seinem Mozart gewidmeten Konzert eine kühne Mischung. Es vergab zum einen drei Kompositionsaufträge, die in irgendeiner Weise auf Mozart Bezug nehmen sollten, und stellte ihnen zum anderen Gesänge Mozarts zur Seite, die wegen ihrer derben Texte weniger auf den Podien zu finden sind – oder höchstens in ihren stubenreinen Fassungen.

Der Chor der Kantonsschule Rychenberg (Leitung Jürg Rüthi) hatte sich der Mühe unterzogen, fünf Kanons bis hin zum zwölfstimmigen Quadrupelkanon «V'amo di core» (bei dem Mozarts Autorschaft allerdings angezweifelt wird) einzustudieren. Neben den Einsichten in die Möglichkeiten spielerisch-mathematischen Umgangs mit der Musik wurden auf diese Weise die vielen Facetten der Persönlichkeit Mozarts wieder in Erinnerung gerufen.

Das Alte im Neuen

Er kenne Mademoiselle Jeunehomme nicht, aber er erinnere sich an sie, kokettierte Rudolf Kelterborn im Vorfeld der Uraufführung seiner «Erinnerungen an Mlle Jeunehomme». Mozarts mit erstaunlicher Reife komponiertes Klavierkonzert in Es-Dur KV 271, das besagter Pianistin, die eigentlich Victoire Jenamy hiess, gewidmet ist, tritt in dieser Komposition mehrfach als Zitat in Erscheinung. Neun Instrumente, wobei das Klavier im Vorraum positioniert wurde und die Fernwirkung den Charakter der Reminiszenz noch unterstrich, formten einen festen, energisch geführten Klangkörper, der ohne Anbiederung das Alte im Neuen aufgehen liess.

Madeleine Ruggli fand in Mozarts Oper «Le nozze di Figaro» strukturelle Formgebungen, die sie zu «Varietà delle fila» inspirierten. Es ist eine filigrane Musik geworden, deren Beziehungsgeflecht auch dramatische, ja aufschreckende Momente kennt. Neun Stimmen begegnen sich auf der Suche nach klanglichen Gemeinsamkeiten und eigenwilliger Selbstbehauptung.

Mit István Zelenkas «Libertinage à la Mozart» dürfte Radio DRS 2, das dieses Konzert aufgezeichnet hat und im Januar senden wird, seine liebe Not haben. In «Es freut' noch sank sich starb und und» – 1 Pfropfung für eine Pianistin, einen Sprecher und eine wortlose Schauspielerin mit Viola – geht es weitgehend um nichts (John Cages «4' 33''» lässt grüssen). Die Pianistin trat hin und wieder mit sequenzierenden Patterns genauso stossweise in Aktion wie der Goethes Veilchengedicht zerzausende und mit enzyklopädischem Veilchen-Wissen langweilende Sprecher. Und wozu die «Schauspielerin» als Bratschenhalterin? Diese Provokation erntete schütteren Beifall, für eine ostentative Ablehnung reichte es beim wohl erzogenen Publikum nicht. (Anja Bühnemann)