Latein: Fast eine Trendwende

Lange gab es für den Lateinunterricht eine düstere Prognose nach der anderen. Aktuelle Zahlen aus dem Kanton Zürich lassen nun aber auf ein Revival des beinahe totgesagten Faches hoffen.

Freitagmorgen, 8.30 Uhr: Am altphilologischen Seminar der Universität Zürich beugen sich 18 Kantonsschülerinnen und Kantonsschüler über einen Auszug aus der «Chronica universalis Turicensis», der Zürcher Weltchronik aus dem 13. Jahrhundert. Es geht um den Ursprung des Fraumünsterklosters. Zwei Stunden haben die jungen Talente Zeit, um eine eloquente Übersetzung des Originals zu erstellen.

Zum sechsten Mal haben sich gestern die Besten unter den Zürcher Lateinschülern im Übersetzen gemessen. Organisiert wird der Wettbewerb jedes Jahr vom Forum Alte Sprachen Zürich (FASZ). «Es geht uns darum, das Latein wieder mehr in den Vordergrund zu rücken und die Gemeinschaft der Lateinliebhaber zu stärken», sagt Ulrich Eigler, Latinistik-Professor an der Uni Zürich und Mitglied des FASZ.

Mit ihrem Interesse für antike Sprachen sind die Wettbewerbsteilnehmer nicht allein. Das belegen Erhebungen zur Profilwahl an den Zürcher Langzeitgymnasien. Im Jahrgang, der 2010 vor dieser Wahl stand, entschieden sich 368 von 1661 Schülerinnen und Schülern für eine Fächerkombination mit Latein. Das sind 22 Prozent der Schüler, fast gleich viele wie 2009. Die Lateinprofile sind damit hinter den neusprachlichen (35 Prozent) die zweitbeliebtesten. Nicht eingerechnet sind zudem die Freifächler, die Latein in freiwilligen Zusatzkursen besuchen.

Von einem Revival der antiken Sprachen wie derzeit in Deutschland könne man in der Schweiz zwar nicht sprechen; im Abwärtstrend der letzten Jahre habe es aber eindeutig einen Halt gegeben, sagt Lateinlehrer und FASZ-Mitglied Alfred Baumgartner. Der Alt- Rektor des Gymnasiums Hohe Promenade leitet seit August die Kantonsschule Im Lee in Winterthur.

Aus Baumgartners Sicht gelingt es immer mehr, das herkömmliche Bild des Lateins aufzubrechen. «Unterricht und Schulbücher haben sich in den letzten 20 Jahren gewaltig verändert», sagt er. Mehrere Studien haben zudem einen Zusammenhang zwischen Lateinunterricht und guten Noten in anderen Fächern hergestellt. Vor diesem Hintergrund seien wohl auch Eltern wieder mehr daran interessiert, dass ihre Kinder Latein lernten, vermutet er.

Erfreut über diese Entwicklung ist auch Dominik Humbel, Lehrer an der Winterthurer Kantonsschule Rychenberg und auch FASZ-Mitglied. Mit zwei Kollegen hat er im Kanton Zürich die Gruppe «Latein baut Brücken» gegründet, um seinem Schulfach in der Bildungspolitik mehr Gehör zu verschaffen. «Viele Politiker, die sich negativ übers Latein äussern, argumentieren aufgrund ihrer eigenen Schulerfahrungen, als man im Latein noch hauptsächlich Wörter und Grammatik büffelte», sagt er.

Heute ist der Fokus ein anderer. Eines der Zauberwörter lautet «überfachliche Kompetenzen». Es geht im Lateinunterricht nicht mehr darum, die Sprache möglichst schnell zu beherrschen, sondern sie als Phänomen systematisch zu erfassen. Das strukturierte Arbeiten sei eine Hilfe für andere Fächer, besonders für moderne Fremdsprachen, sagt Humbel. «Und es ist bewiesen: Wer Latein lernt, kann auch besser Deutsch.»

Zum sprachlichen gesellt sich ein kulturhistorischer Aspekt. Die römische Kultur hat auch diesseits der Alpen so viele Spuren hinterlassen, dass sie noch heute nachwirkt. Zum Beispiel verweisen laut Humbel rund die Hälfte der Romane des 20. Jahrhunderts auf Figuren und Motive der antiken Literatur. «Wer sie kennt, versteht auch aktuelle Texte besser», sagt er.

Auch Ulrich Eigler merkt, dass im Lateinunterricht an den Mittelschulen ein frischer Wind weht. «Ich sehe das regelmässig in Prüfungslektionen von Lehramtsabsolventen», sagt er. Der neue Schwung ist für den Professor ein Glück: Als er vor sechs Jahren an die Uni Zürich kam, zählte die Latinistik 150 Studenten. Inzwischen hat sich die Zahl auf 200 erhöht. «Für ein so kleines Fach ist das sehr viel», sagt Eigler.

Und der Nachwuchs steht schon in den Startlöchern: Die beste Übersetzung lieferte gestern Louisa Buttsworth von der Kantonsschule Rychenberg. Gewonnen hat sie – wie auch die Zweit- und Drittplatzierten – einen Büchergutschein. Ob sie damit lateinische Bücher kauft, ist ihr allerdings freigestellt.

Anna Wepfer