Nur getuschelt wird in Mundart

Immersionsschüler sind aufmerksam – und meistens weiblich. An der Matura schneiden sie eine halbe Note besser ab. Ein Besuch im Gymnasium Rychenberg.

Von René Donzé Winterthur – «Bless you Eine Leiter lehnt an einer Mauer. Wenn der Fuss der Leiter mit «five feet per second» wegrutscht, wie schnell gleitet die Spitze der Leiter die Mauer hinunter? «How fast is the top of the ladder sliding down the wall at that moment?» «So, what’s your strategy?», fragt der Lehrer. Zehn Hände schnellen in die Höhe: «Draw a sketch», sagt eine Schülerin. Thon Benz lässt einen Schüler an der Wandtafel aufzeichnen, wie er das Problem lösen würde, und fordert ihn auf, die Lösungsschritte auf Englisch zu kommentieren. So schwierig die verwendeten Formeln auf Aussenstehende wirken mögen, so simpel ist das verwendete Vokabular: «Plus, minus, over, root, square, equals» reicht, um die Aufgabe zu lösen. Als das Resultat feststeht, fragt Thon Benz: «Is it realistic?» und mahnt die Schüler: «Always doubt yourself.» Mehr Interessenten als Plätze Es ist ruhig im Klassenzimmer. Die 7 Schüler und 16 Schülerinnen sind mehrheitlich aufmerksam bei der Sache. Wenn getuschelt wird, dann allerdings in Mundart. In einer zweiten Aufgabe geht es um den Schatten eines Mannes, der sich auf ein beleuchtetes Haus zubewegt: «How fast is the person’s shadow on the building shortening . . .?» Wieder melden sich mehrere Schüler. Jürgen Thon Benz ginge leicht als Engländer durch: Mit einer Mischung aus liebenswürdiger Sprödheit und trockenem Humor leitet er die Klasse an. Der Deutsche hatte früher in Irland auf Primarstufe gelehrt und ist nun seit sieben Jahren am Rychenberg. «Er hat uns gut im Griff», sagt eine Schülerin nach dem Unterricht. «Wir sind aber auch keine Problemklasse», fügt sie an. Thon Benz hat Freude an der Klasse: «Sie ist zwar nicht mathematisch besser als andere, aber sie ist einsatzfreudiger.» Wer in der Kantonsschule Rychenberg die zweisprachige Maturität ablegen will, muss sich in der zweiten Klasse entscheiden. Pro Jahrgang wird in der Regel eine Immersionsklasse ab dem dritten Langgymnasiumsjahr zusammengestellt. Und da sich stets mehr Schüler anmelden, als Plätze zu vergeben sind, wird aussortiert: Massgebend sind die Noten in Deutsch und Mathematik. «Die Immersionsklassen haben den Ruf von Eliteklassen», sagt Rychenberg-Rektorin Franziska Widmer. Zu Recht, finden die Schülerinnen und Schüler der 6b: «Die Lehrer verlangen extrem viel von uns», heisst es. Und: «Unsere Klasse hat ein hohes Niveau.» «Mädchen sind fleissiger» Rektorin Widmer sagt, dass die Maturazeugnisse der Immersionsklassen am Rychenberg im Durchschnitt etwa eine halbe Note höher liegen als bei den anderen Maturklassen. Das sei weniger eine Frage der höheren Intelligenz als vielmehr eine Frage der Arbeitshaltung. Was zeichnet einen guten Immersionsschüler aus? «Hohe Frustrationstoleranz, Innovationsfreude und Lust zum Lernen», sagt die Rektorin. Wer im Gymnasium ohnehin am Anschlag laufe, sei fehl am Platz. Faule Schüler auch. Nicht von ungefähr überwiegen in den meisten Immersionsklassen am Rychenberg die Schülerinnen. «Die Mädchen sind einfach viel fleissiger», sagt ein Schüler der 6b. Und: «Frauen sind generell mehr an Sprachen interessiert.» In der Mathematik fallen die sprachlichen Fähigkeiten weniger ins Gewicht als etwa in Geschichte, Geografie oder Biologie, die ebenfalls in Englisch unterrichtet werden. Dort sei der Mehraufwand zum Teil beträchtlich, sagt eine Schülerin. Und manchmal komme es vor, dass sie Fachausdrücke bloss auf Englisch kenne und ihr das deutsche Vokabular dazu fehle.Warum nimmt sie diese Zusatzbelastung auf sich? «Weil ich so die Sprache spielerisch nebenbei lernen und gleich auch anwenden kann.» Ob sie daraus auch beruflichen Nutzen ziehen wird, kümmert die Schülerin weniger. Wie die meisten ihrer Klassenkolleginnen hat auch sie sich noch nicht für ein Studium entschieden, sondern will zuerst einmal ein Zwischenjahr einlegen. Ein Schüler der Klasse 6b des Winterthurer Gymnasiums Rychenberg erklärt den Lösungsweg auf Englisch.