Plastische Gestaltung (Konzertkritik)

Haydns «Schöpfung» in Winterthur

Das war's, schien der Tenor im Schlussrezitativ mit leicht ironischem Unterton zu sagen – und es war nicht wenig, was die vereinten Winterthurer Kräfte zusammen mit ihren deutschen Gästen geboten hatten. Weshalb Joseph Haydns «Schöpfung» trotz einem für heutiges Empfinden betulichen bis problematischen Libretto zu den beliebtesten Oratorien gehört, war nach der Aufführung im Winterthurer Stadthaus evident. Denn Haydns unerschöpflichem Ideenreichtum, der Bildhaftigkeit der Klangmalereien, seinem feinen bis zuweilen auch burschikosen Witz, aber auch den still leuchtenden Momenten kann man bei entsprechender Gestaltung kaum widerstehen. Dafür sorgte ein Mann mit reichem Erfahrungsschatz. Der heute 76-jährige Helmuth Rilling hat nicht nur mit seiner in den 1960er Jahren lancierten Gesamteinspielung der Bachkantaten Pionierarbeit geleistet, sondern in jüngerer Zeit vermehrt auch zeitgenössische Musik dirigiert. So verband er im sorgsamen Aufbau der einzelnen Szenen Klangsinn mit Rhetorik und wahrte trotz seinem etwas hölzernen Dirigierstil Flexibilität im Detail.

Die von Christoph Bachmann und Jürg Rüthi ausgezeichnet vorbereiteten Chöre (Kammerchor Winterthur und Oberstufenchor der Kantonsschule Rychenberg) erfreuten von Beginn an mit hellem, frischem Klang und profilierten sich durch präzise und kraftvolle Stimmeinsätze. Uneinheitlicher wirkte das Solisten-Trio. Der Bassist Markus Marquardt konnte seine anfänglichen Intonationsprobleme jedoch beheben und zeigte im Verlaufe des Abends neben seiner Stimmgewalt auch ein Flair für leisere Töne. Souverän bewältigte die Sopranistin Julia Sophia Wagner ihre Partie, die sie oft mit kecken Auszierungen anreicherte. Elegant zog sie sich im dritten Teil aus der Affäre, indem sie das Rezitativ der unterwürfigen Eva in gleichsam neutraler Schönheit sang, um erst im anschliessenden Liebesduett emotionale Anteilnahme zu zeigen. Über das breiteste Ausdrucksspektrum verfügte der Tenor Lothar Odinius, der die Partie des Uriel mit reichen Facetten ausstattete. Dem stand das Musikkollegium Winterthur nicht nach und sorgte mit kräftigen Farben für stimmige Klangmalereien.

Jürg Huber